Teilnehmer/innen abholen?

Kennen Sie den Satz? „Man soll die Teilnehmenden von da abholen, wo sie stehen.“

Wenn Sie Trainerin oder Trainer sind, kommt Ihnen der bestimmt bekannt vor. Ich kann mir nicht helfen, doch etwas an diesem Satz hat mich immer schon gestört. Vielleicht ist es das Bild, das mir dabei vor Augen steht: eine Gruppe Kühe, die in den Stall geholt wird, wo sie die Melkmaschine erwartet.

Ich jedenfalls finde den Satz mit Blick auf die Teilnehmenden reichlich eingebildet und irgendwie auch passiv, was die wenigsten Teilnehmer/innen sind. Ich begleite viel lieber, als dass ich „abhole“. Außerdem frage ich mich, wie das mit dem „jeden abholen“, beispielsweise bei 150 Zuhörenden, gehen soll. Sagen wir mal, bei einer Massenveranstaltung, wie beispielsweise der Diözesantag für ehrenamtliche Büchereikräfte, an denen sich Menschen jeglichen Alters und mit völlig unterschiedlichem Kenntnisstand von Büchereiarbeit treffen.

Halten Sie einen launigen Vortrag, ist er einigen nicht hoch genug angesetzt. Setzen Sie mehr voraus, fühlen sich wieder andere überfordert. Eine Stunde über eine Sache reden, sagen wir mal: Öffentlichkeitsarbeit und Werbung, lässt sich prima mit Fotos auflockern. Da kann es passieren, dass die einen sagen: „Tja, von sooo tolle Büchereien können wir nur träumen!“ und die anderen: „Machen wir alles längst!“ Doch am schwierigsten ist es, wenn Sie mit Technik daher kommen, beispielsweise „Web 2.0“. Während die einen den Begriff noch nie gehört haben, winken die anderen bei „Twitter“ abgebrüht ab und fragen, ob es denn nichts Neues gäbe. Wo kann es da eine Schnittmenge geben?

Wie Sie es auch drehen und wenden, 150 Menschen können selten alle am gleichen Punkt abgeholt werden. Das ist illusionär, kann jedoch mit etwas Glück und wenn alles andere stimmt (Klima, Organisation, Verpflegung, vorher eine gute Einführung, etc.) , durchaus gelingen.

Hier ein paar Tipps für große Veranstaltungen mit inhomogenen Publikum:

  • Bleiben Sie authentisch und verbiegen Sie sich nicht.
  • Versuchen Sie nach Möglichkeit, den Durchschnitt zu bedienen. Und dann ein paar Folien „darüber“ und ein paar „darunter“. Oder machen Sie von Anfang an einen bestimmten Level klar und riskieren Sie, dass es für einige 60 Minuten lang völlig langweilig wird. Sie haben die Wahl.
  • Erfüllen Sie das, was die Veranstalter von Ihnen erhoffen und erwarten und bedienen deren Wünsche. Die werden schon wissen, was für ihre Leute am besten ist, schließlich haben die Veranstalter ja die selben Anforderungen zu bewältigen wie Sie, nämlich …
  • … es möglichst jedem Recht zu machen und dennoch das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren.
  • Wenn es organisatorisch möglich ist, richten Sie ein World Café ein und lassen Sie in Gruppen arbeiten
  • Und falls es doch nicht so toll läuft, sagen Sie nie: die Gruppe war dran schuld! Denn es geht nicht um Schuldfragen, sondern nur um die Quadratur des Kreises, die die wenigsten beherrschen.

Schließlich ist nicht jede/r zu einem Thomas Gottschalk geboren … und selbst der liegt manchmal weit daneben ;-)

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3 Antworten

  1. Liebe Ilona,
    ich finde das „die Leute dort abholen, wo sie sind“ immer noch hilfreich – sich zu erinnern, dass es nicht darum geht, über die Leute hinwegzureden – sei es thematisch oder auch theoretisch, sondern eben ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. Im Grund geht es um dasselbe, was wir in der Bibliothek „Benutzerorientierung“ nennen: Zielgruppen und deren Bedürfnisse fest im Blick zu haben und letzere zu befrieden versuchen.
    Um es an Deinem Beispiel „Diözesantag für ehrenamtliche Büchereikräfte, an denen sich Menschen jeglichen Alters und mit völlig unterschiedlichem Kenntnisstand von Büchereiarbeit“ zu exemplifizieren: Natürlich sind die alle unterschiedlich, sie haben aber den gemeinsamen Hintergrund der Büchereiarbeit und von daher ähnliche Erfahrungen und Bedürfnisse. Darauf kann man sich beziehen, ganz praktisch. Man kann aber auch ebenso Meta-Speech machen, über das Bibliothekswesen allgemein und die besonderen Anforderungen im Informationszeitalter reden – da wird man wahrscheinlich zugucken können, wie die mit der Aufmerksamkeit wegsacken … ;-)
    Insofern ist die von Dir kritisierte Formel einfach der Versuch, den Service feinzujustieren – nicht an einem abstrakten Thema oder fremden Erforderunissen, sondern eben an den Bedürfnissen und der Erfahrungswelt derer, die teilnehmen.

    Viele Grüße

    Jürgen

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  2. „gemeinsamen Hintergrund der Büchereiarbeit“ – das ist die Problematik. Für die einen ist Büchereiarbeit das Ausleihen eines Buches – und NUR eines Buches nach Möglichkeit. Deren Öffentlichkeitsarbeit ist eine ganz andere als die jener, die sich auch für andere Medien aufschließen. Die einen empfinden blickdichte Vorhänge am Fenster als ein Muss, sonst ist es für sie nicht ordentlich. Die anderen dulden nicht einmal das eigenen Büchereiplakat an den Scheiben. Für jene ist das Vorlesen die wichtigste Angelegenheit, für andere ist es ein lang ersehnter Internetzugang in der Bücherei. So unterschiedlich ist Büchereiarbeit. Und so unterschiedlich ist die entsprechende Öffentlichkeitsarbeit. Kritisieren will ich nicht einmal den Satz an sich. Sondern eine unrealistische Anspruchshaltung, die (bei Massenveranstaltungen, wohl gemerkt) dahinter steckt. Alle abholen, wo sie stehen, würde entweder den Rahmen sprengen oder auf Gleichmacherei hinaus laufen. Und Wecksacken möchte ich nun doch lieber niemanden lassen, eher dann schon ein wenig „aufregen“ ;-) Mit dem Feinjustieren hast Du natürlich absolut recht, Jürgen, und das setze ich bei jedem Vortrag voraus.

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  3. Nun-das Thema ist eine Weile her, aber ich möchte aus aktuellem Anlass gerne aus meinen Erfahrungen dazu berichten.
    Zur Zeit bin ich an der Umsetzung eines sog. „Forscherferienprojekts“ für Grundschulkinder beteiligt. Es wird, für insgesamt drei Wochen, zu drei unterschiedlichen Themen ein Ferienprogramm abgeboten, bzw. durchgeführt. Es beinhaltet Experimente, jeweils eine Exkursion und verschiedene Spiele zu den Themen Wasser, Luft und Erde. Außerdem trat man an uns mit der Bitte heran mit den Kindern Arbeitsblätter, sog. „logicals“ zu erarbeiten. (Schulreferat der Stadt Nürnberg als Auftraggeber dieses Ferienprojekts).

    Letzteres sah ich mit größerer Skepsis entgegen, da Kinder erfahrungsgemäß während ihrer (wohlverdienten) Ferien was besonderes erleben wollen, Dinge eben, die während der Schulzeit viel zu kurz kommen und nicht an den gängigen Unterricht während der Schulzeit erinnern.
    Inzwischen liegen zwei Themenwochen hinter mir(bzw. uns).
    Wir haben zu dritt 35 Kinder unterschiedlichen Alters, Intelligenzen und Bedürfnissen betreut. Zur Verfügung standen uns zwei Klassenräume und ein Außenbereich mit Spielgeräten. Die Experimente, die wir mit den Kindern durchführten waren für die 1.u. 2.-Klässler noch interessant, für die 3.-4-Klässler schon wieder langweilig, zu mal sie die meisten davon schon kannten. Für größere Kids müsste man schon fast täglich verschieden Orte besuchen, an denen z.B. ein Start oder gar Fahrt mit dem Heißluftballon (Thema „Luft“) demonstriert bzw. erlebt wird, um diesen ein *“unvergessliches Ferienprogramm“ zu bieten (* dieses Ziel jedenfalls setzte sich das Schul-und Kulturreferat d. Stadt Nürnberg).
    Die „logicals“ wurden -wie von mir erwartet-von den allermeisten Kindern nur widerwillig und mit teils unbefriedigten Ergebnissen durchgeführt. Es wäre besser gewesen diese Arbeitsblätter in der sog. „freien Zeit“ für einzelne Kinder an zu bieten. Z.B. gab es da ca. 4 sehr intelligente Kinder (zukünftige Gymi-Kinder) die an solchen Aufgaben Freude hatten und auch die erforderliche Konzentration dafür aufbringen konnten. Während andere Kinder malen oder mit Bauklötzen spielten, hätte das Erarbeiten von logicals für diese „Indigokinder“ als eine Alternative dazu gedient.

    Andererseits hatten wir auch Kinder zu betreuen, welche schwer zu motivieren und zu entertainen waren. Eine weitere Schwierigkeit zeigte sich auch darin, dass man die Kinder erstmal gar nicht kennt, da sie aus unterschiedlichen Grundschulen kommen und wir Betreuer jeweils nur die Kinder aus unseren eigenen Mittagsbetreuungsgruppen kennen.
    Ein sehr gutes Beobachten und Erfassen von geistigem Entwicklungsstand und Sozialverhalten der Kiddies wurde uns abverlangt, was aufgrund der Gruppengröße und der kurzen Zeit nicht wirklich einfach war und ist.
    Fazit:
    Man hat also auf Grund dessen nicht wirklich die Gelegenheit alle Kinder „da abzuholen, wo sie gerade stehen“. Zumindest nicht mit der Qualität, die wir für erforderlich halten. Irgendeines geht- zumindest bei diese hohen Anzahl von Kindern- immer „unter“.
    Man kann ein -mehr oder weniger- breites Angebot bereit stellen und jeder nimmt sich das mit, wofür er bereit und aufnahmefähig ist. Dies mag bei Erwachsenen gut funktionieren. Bei Kindern bedarf dies aber stets Führung, Lenkung und Kontrolle.

    „Jemanden da abholen, wo er gerade steht“-bei diesem Satz denke ich persönlich immer an e i n z e l n e Klienten.
    Beruflich gesehen denke ich dabei z.B. an die Arbeit von Ergotherapeuten und Logopäden. Diese führen ihre Therapien zum allergrößten Teil bei Einzelpersonen durch und holen ihre Patienten und Klienten tatsächlich dort ab, wo sie gerade stehen.

    Viele Grüße vonJeannette

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