Snapshot 1999

Geschichten aus 15 + 1 Jahr WEGA-Team.

[1999] Das letzte Jahr mit einer 19 vorneweg ist das erste Jahr, in welchem die Geschichte des WEGA-Teams durch die Ukraine und Österreich international wird. Doch egal, in welchem Land, und ganz gleich, wie viel es zu tun gibt: wir müssen lernen, dass auch unser Tag immer nur 24 Stunden hat.*

Ein Kongressbeitrag während eines heißen Sommers in Wien (ich kenne Wien eigenartigerweise überwiegend sehr, sehr kalt oder sehr, sehr warm!) war der Auftakt für mein „Auslandsjahr“ 1999. Kurze Zeit später stieg ich wiederum in Wien aus dem Flugzeug, doch nur, um mit dem Anschlussflieger im rund tausend Kilometer entfernten Kiew zu landen. (Mein dummerweise mitgeführtes Schweizer Taschenmesser gab ich in einem Flughafenrestaurant in Obhut, wo ich es tatsächlich eine Woche später wieder zurück bekam. Ich habe es immer noch, ein wichtiges Utensil einer Reise-Referentin!)

Ausgelöst hatte den Seminarauftrag im damals immer noch recht unbekannt anmutenden Osten mein Artikel zur Imagebildung und Werbung im BuB. Die Bibliothek des Goethe-Instituts, damals geleitet von Evelyn Mechtold, lud per Auswahlverfahren ukrainische Bibliothekarinnen (es waren wirklich nur Frauen) zu einer einwöchigen Fortbildung zu den Themen Leitbild, Sponsoring und Werbung bzw. Öffentlichkeitsarbeit ein. Sehr still und sehr aufmerksam, bewaffnet mit Block und Stift, saßen perfekt geschminkte, perfekt gekleidete Kolleginnen vor mir und wunderten sich wohl ein wenig über die Gruppentischordnung.

Ich erinnere mich: die Übersetzungssituation ins Russische (nicht Ukrainische) war besonders bemerkenswert, eben, weil wir wenig davon bemerkten. Mit den Teilnehmerinnen geriet ich rasch in einen flüssigen Austausch, nicht zuletzt dank der brilianten Übersetzerin und des vorab übersetzten Handouts. Es wurden kyrillisch geschriebene Kärtchen aufgehängt und miteinander besprochen, und manch eine Teilnehmerin hatte schon den Verdacht, ich könne doch ein bisschen Ukrainisch oder Russisch. Dem war leider nicht so, doch waren meine Sinne ganz auf die Augen, die Körpersprache und die Sprachmelodie der Kolleginnen ausgerichtet. Dies signalisierte mir immer, wo wir gerade standen, ob es Fragen gab oder Unsicherheiten oder gerade eine Erkenntnis, ein Aha-Effekt sich seinen Weg bahnte. Am Gesichtsausdruck konnte ich sogar festmachen, wenn die Übersetzung doch einmal knapp daneben lag. Eben, weil der von mir erwartete Effekt nicht eintraf. Dann beriet ich mich kurz mit meiner Übersetzerin, und an der anschließenden Erleichterung spürte ich: „Ah, ja, jetzt ist alles klar.“

Und man muss sich vor Augen halten: so etwas wie Workshops kannte man damals im Osten noch nicht, Frontalvorträge waren nach wie vor der Standard. Es war toll zu erleben, wie begeistert man die freie Art des Austausches aufnahm, und während der Rollenspiele (Ukrainerinnen sind absolut talentiert!) lachten wir Tränen miteinander. Tatsächlich standen uns wiederum Tränen in den Augen, als wir voneinander Abschied nahmen – es war schrecklich-herzlich-schön. Und als dann auf die Frage, ob ich denn auch Leitbildentwicklung in der Ukraine begleiten würde, „Nein“ antworten musste, wusste ich: SO kann ich diese engagierten und von neuen, innovativen Gedanken beseelten Kolleginnen nicht einfach zurück lassen.

Nun, in der kompetenten Kollegin der GI-Bibliothek fand ich sofort eine Mitstreiterin für ein wunderbares, internationales Kooperationsprojekt. Wie das aussah? Dazu das nächste Mal mehr.

[Ein sehr persönliches P. S.:]
In diesen für mich beruflich so wichtigen Wochen verlor ich meinen geliebten Opa. Als ich mich für die Kiewer Tage vom Krankenbett loseisen musste, sagte ich scherzhaft: „Opa, lauf nicht weg, warte auf mich, bin in einer Woche wieder da!“ Natürlich wusste er, was ich tatsächlich damit meinte.

Nun, er hat Wort gehalten. 10 Tage und Nächte waren uns noch geschenkt, die ich als eine der wertvollsten meines Lebens ansehe. Mein Opa war in beiden Weltkriegen dabei, und meine Erzählungen von der Ukraine lösten in ihm längst vergessen geglaubte Erinnerungen aus. „Aber den Russen neben mir im Schützengraben, den habe ich nicht erschossen!“ so seine erschütternden Versuche, mit sich ins Reine zu kommen. Er warf sich vor, nicht desertiert zu haben. Er hatte aber doch eine junge Familie, die auf ihn im (später völlig zerstörten) Nürnberg wartete. Einer seiner beiden kleinen Söhne wurde mein Vater.

Es fällt mir nicht leicht, solch persönliche Erlebnisse in meiner Jubiläumsrückschau zu schildern. Ich tue es nun trotzdem, denn dieses Erleben gehört für mich untrennbar zu diesem Jahr dazu. Und die jungen Menschen unter uns werden immer seltener jemanden authentisch über die Weltkriegszeiten erzählen hören, ich selbst bin ja auch bereits nur „zweite Hand“.

1999 also, da war es für mich nicht selbstverständlich, unbehelligt in den Osten zu reisen. Zehn Jahre erst war der „Eiserne Vorhang“ Vergangenheit. Und in unserer Generation kennt man sehr wohl noch den Satz: „die Gnade der späten Geburt“. Ja, sie betrifft im Grunde auch uns, die wir Überbringer guter statt schlechter Nachrichten sein dürfen. Wir dürfen in den Osten reisen als Unschuldige. Und ich wünsche mir, dass das immer so sein wird, überall auf der Welt.

Nun, mein Opa hat letztendlich in diesen Nächten Frieden mit sich und seinem Gott (an den er eher als Naturliebender glaubte) schließen können. Frieden – ein wunderbares Wort, nicht wahr?! Diesen Frieden habe ich mit ins Jahr 2000 genommen, und er dauert glücklicherweise (nicht selbstverständlicherweise) immer noch für mich und uns an! Weil wir Deutschen uns erinnern. Und daraus lernen. Doch nur, wenn wir einander am Lernen teilhaben lassen.

*(Aus: Unsere Teamgeschichte oder: “Man lernt nie aus!”)

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