U wie Unterlagen

Drüben im bibfobi-Blog hatte ich die Tage bereits etwas zu Unterlagen gepostet: Schöne Binsenweisheiten. Attraktive Unterlagen gehörten wohl zu jedem Seminar, ob Skripte, Handouts, Folien … wie auch immer sie benannt sind, die papierenen (?) oder e-Medien, die man nach Hause nehmen bzw. zu Hause am Bildschirm wieder vorfinden kann. Zumeist zum Nacharbeiten, weniger zur Vorbereitung bestimmt. Ich möchte heute nicht weiter auf die Gestaltung eingehen, vielmehr, ob Unterlagen grundsätzlich notwendig sind und wann der Zeitpunkt des Austeilens gekommen ist.

Sind Unterlagen ein „Muss“?

Meine Erfahrung: Ja und Nein. Eine Powerpoint begleitete Unterlage wird gerne gefordert. Die einen benötigen sie für ihre handschriftlichen Notizen, die anderen legen sie erst einmal beiseite und folgen bevorzugt dem Geschehen an der Wand bzw. den Worten der Vortragenden. Andere meinen: „Schon wieder so viel Papier zum Herumschleppen! Weg damit!“ oder fragen sofort: „Liegt das auch irgendwo im Internet?“ Doch wehe, man teilt nichts aus, dann hat mann/frau schlechte Karten wegen verdächtigter „Geringschätzung der Teilnehmerbedarfe“.
Sie sehen, Sie können weder etwas verkehrt noch richtig machen.

Mein Vorgehen: Die geduldige Vorbereitung von Handouts ist etwas, was ich vor allem für mich selbst benötige, um mir über Inhalte, Reihenfolgen und den Zeithorizont im Klaren zu werden. Daher habe ich, wenn überhaupt, lediglich VOR dem Seminar Stress, die Unterlagen rechtzeitig zum Kopieren fertiggestellt zu haben, nie jedoch während des Seminars. Da kann ich ganz entspannt ran, denn im Grunde ist ja alles Wesentliche schon gelaufen. Einzig eine Grundübung in „Offenheit“ muss ich noch leisten. Nämlich dahingehend, dass ich die Inhalte der Unterlagen möglichst wieder „vergesse“, um Zugang zu den Gedanken der Teilnehmenden zu gewinnen, statt ihnen meine Erkenntnisse über das Haupt zu schütten.

Daher teile ich das meist etwa 20-seitige Skript zwar aus, bitte jedoch, es erst einmal wieder wegzulegen. Die Aufforderung empfinde ich allerdings selbst als ein wenig zwiespältig, da ich ungern (Nicht-)Handlungen vorschreibe. Doch wenn ich den Teilnehmenden erkläre, sie würden sich sonst vielleicht langweilen, weil sie beim Skriptdurchlesen bereits wissen, was auf sie zukommt und sie darum weniger Spaß am Selberdenken haben, wird das durchaus verstanden. Nur – ein paar Teilnehmende mögen gar nicht unbedingt selber denken, sondern lieber Rezepthaftes bzw. sie mögen keine Überraschungen. Also auch hier die Erkenntnis: Sie können nichts verkehrt und nichts richtig machen.

Unterlagen selbst zusammensuchen

In der Studie Lernen Ältere*, auf die ich meine A-Z-Einträge beziehe, war ein Ergebnis, dass sich Teilnehmende in selbstorganisierten Lernsettings die Unterlagen selbst zusammensuchen würden. Das Vorgehen ist selbstverständlich empfehlenswert. Nur – gar so begeistert sind die befragten Älteren nicht von dieser Möglichkeit. Sie lernen überwiegend lieber in erweiterten dozentenzentrierten Lernsettings.

Meine Überlegung: Wie bloß sollten meine Teilnehmenden ihre Unterlagen selbst zusammensuchen, wenn die meisten Seminarräume nicht über genügend PCs verfügen? Und wäre die Ausstattung sogar da – würde ich das wollen, dass sich vor die Guckkästen gesetzt würde? Kleingruppen, die angeregt austauschend davor sitzen, mögen ja eine nette Idealvorstellung sein. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Jeder versinkt abgeschotten von der Außenwelt in den Weiten des Netzes und blinzelt verwirrt die Augen, wenn es nach einer halben Stunde („Was? Schon vorbei???) heißt: „Bitte jetzt die Ergebnisse visualisieren“.

Also doch wieder: Vortrag – Workshop – Vortrag – Skript heranziehen und ergänzen (da genügend Platz für freie Gedanken gegeben!) – und ansonsten: Diskutieren. Der Idealfall. Für alle? Nein, nicht für alle. Wie gesagt: Rezepthaftes ist breit gefordert im Sinne von: „Die 10 besten Tipps …“, „Die fünf schlimmsten Fehler …“, „Die ultimative Checkliste …“

Höre ich da Frust heraus? Hm. Ach nein, nicht wirklich. Mir geht’s doch als Fortbildungswillige ebenfalls nicht anders. „Gib mir da vorne bitte eine Lösung vor, damit ich darauf hin wahlweise den Kopf nicken kann: ‚Ja, sehe ich auch so‘, oder  ‚Nö, kann ich nicht zustimmen‘ oder ‚Kann ich ergänzen durch meine Erfahrungen‘ oder ‚Muss ich mir noch mal durch den Kopf gehen lassen'“.

Skript und Vortrag also wie eine Art Grundskelett, und dann kommt noch das gedankliche Fleisch der Teilnehmenden hinzu. Damit lässt sich leben bzw. lernen. Oder etwa nicht?!

* Studie “Lernen Ältere” mit der Zielgruppe 50 plus. Diese nehme ich zum Anlass, über eigene Beobachtungen als Trainerin / Lernbegleiterin im überwiegend öffentlichen Dienst “von A bis Z” (in mehreren Folgen) zu reflektieren.

Autoren der Studie: Gabriele Korge und Christian Piele / Info und Download

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