BBV-Mitgliederforum 2015 (I) zur Willkommenskultur in Bibliotheken

Dr. Reiner KallenbornAm 26.11.2015 lud der Bayerische Bibliotheksverband (BBV) zum jährlichen Mitgliederforum in die Technische Universität München (TUM) zum Thema „Willkommenskultur“ ein. Als das Programm im zeitigen Frühjahr aufgestellt wurde, war die Brisanz des Themas noch nicht in diesem Ausmaße absehbar gewesen. Doch bereits bei 20% internationaler Studierenden an der TUM, so Dr. Reiner Kallenborn, Leitender Direktor der Universitätsbibliothek der TUM, sei eine Willkommenskultur angebracht, die zudem Ressourcen bündelt und durch die Zusammenarbeit von Institutionen Synergieeffekte zeitigen soll.

Begrüßung und Einführung

Teilnehmende BBV Mitgliederforum 2015Mit einer Anzahl von 50% Einwohner mit Migrationshintergrund in Kehlheim bestätigte MdL Martin Neumeyer als Integrationsbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung den Bedarf nach einer Kultur des Willkommenheißens, die sich beispielsweise nicht nur in einem Begrüßungsschild – wie er es in Norwegen gesehen hatte – erschöpfen kann: „Know you are her – learn Norwegian“.

MdL Martin NeumeyerMit Hilfe modularer Sprachkurse und Büchern in leichter Sprache, die auch den geschätzen 20-30% Analphabeten hierzulande zugute kommen, oder über ein Angebot an Medien aus den entsprechenden Flüchtlingsländern, sogenannte Exilliteratur oder Emigrantenliteratur, könnte eine Basis für die deutsche Sprache und mithin für weitere Bildungsbemühungen geboten werden.

Zumal beispielsweise Syrer, Iraner oder Iraaker begeistert vom Sprachenlernen wären. Welche Motivation gibt es noch, um die deutsche Sprache lernen zu wollen? „Um Kant und Nietzsche im Original zu lesen“, so Neumeyer und berichtete von einer für ihn denkwürdigen Begegnung mit einem jungen Italiener, der dies als Grund seines Lernens angab.

MdL Bernd SiblerWie wichtig Bibliotheken als Lernorte sind und was sie für eine Willkommenskultur tun könnten, das führten nachfolgend die fünf Podiumsteilnehmenden aus, die von MdL Bernd Sibler, Staatssekretär und 1. Vorsitzender des BBV begrüßt und von Katrin Fügener aus Penzberg moderiert wurden.

Aus der Podiumsrunde

Podiumsteilnehmende BBV Mitgliederforum 2015

Yilmaz Holtz-Erasin, Leiter der mittlerweile 40-jährigen türkischen und interkulturellen Bibliothek „Vor Ort“ der Stadtbibliothek Duisburg, griff als erster Podiumsbeitragender die Frage auf: „Warum sollen sich Bibliotheken für Ausländer engagieren? Ist das nicht eine Aufgabe der Behörden?“ Eine Bibliothek sei ein Ort ohne Hürden, an dem man nicht viel sprechen und schon gar nicht behördendeutsch verstehen muss, so seine Erkenntnis aus eigener Erfahrung. Ein freier Zugang zu Büchern aus dem eigenen Land ist bereits ein Zeichen des Willkommens. Doch ist das auch allen, die aus anderen Ländern zu uns kommen, bekannt? So lautet seine Frage: „Wie bringen wir den Menschen bei, dass Bibliotheken kein Kontrollinstrument ist, sondern sie Dienstleister sind?“

Mag auch „Durchs wilde Kurdistan“ ein Titel sein, der nicht unbedingt als „Exilliteratur“ gilt, doch wenn ein ostaramäischer Christ ihn hier entdeckt, so erfährt er in deutschen Bücherregalen mehr Anerkennung seiner Religion als im eigenen Land. In diesem Zusammenhang verweist Holtz-Erasin auch darauf, dass es nicht nur um die jeweilige Landeskultur ginge, sondern eben um die gesamte kulturelle Vielfalt in diesen Ländern.

An Caroline Zeisberger aus der Gemeindebücherei Grassau stellte die Moderatorin die Frage, „Wo genau holen Sie sie ab, wenn sie von Abholen sprechen?“ Es ist dies die sprachliche Barriere, die überwunden werden will und muss, beispielsweise über Zeigebücher ohne Sprache (doch mit Glossar) für den Anmeldevorgang. Sie berichtet von der Asylothek in Grassau, untergebracht im Jugendtreff und betreut durch Ehrenamtliche und der dortigen Jugendbeauftragten.

Die Asylothek hat täglich zwei Stunden geöffnet, also sogar eine Stunde mehr als die Bibliothek, was mithin ein Entscheidungsgrund zur Nutzung des außerbibliothekarischen Raumes war. Die Nutzung sei gut, berichtet Zeisberger zufrieden, und dabei spielt ein Billardspieltisch keine unerhebliche Rolle. Er lockt die zumeist jungen Männer in die Asylothek. So kämen von 160 Asylbewerbenden im Monat etwa 15 Personen, um bevorzugt Sprachkurse auszuleihen, aber auch an Führungen, die ehrenamtliche Betreuer/innen und Sozialdienste anbieten, teilzunehmen. In der Muttersprache zu lesen sei jedoch eher Beiwerk.

Die entsprechenden arabischen oder persischen Bücher wählt Christian Springer aus, die der bekannte Kabarettist direkt am Flughafen einkauft. Hier hatte der glückliche Zufall seine Hände im Spiel, nachdem dessen Tante ehrenamtlich in der Bibliothek beschäftigt ist und ihn um Hilfe in Sachen „Willkommensliteratur“ bat.

Julia Heinz aus der Stadtbibliothek Nürnberg, genauer gesagt, aus dem „Südpunkt“ berichtete davon, dass bereits 2009 zur Gründung dieser Zweigstelle ein internationales, insbesondere türkisch und russisch sprechendes Mitarbeiter/innenteam beabsichtigt war, da dies die Hauptfremdsprachen in Nürnberg seien. Und ganz besonders im Süden der Stadt, die als (ehemaliges) „Arbeiterviertel“ einen hohen Anteil an Migrant(inn)enanteil aufweist. Den Mitarbeiter(inn)n mit erkennbar ausländischen Wurzeln gegenüber werden andere Fragen gestellt, beispielsweise im sozialen Kontext. Für ausländische Kinder in Schulklassenführungen ist es gut zu erleben, dass man in Deutschland auch mit Migrationshintergrund „etwas werden kann“. Die Herausforderung dabei ist, wie man die Kinder erreicht, denn über sie lassen sich auch die Erwachsenen abholen. Das funktioniert ganz gut in Zusammenarbeit mit der Mutter-Kind-Gruppe des Amts für Kultur und Freizeit, dem „KuF“.

Wolfram Siemons ist seit einem Jahr in der Freiwilligenkoordination der Stadtbücherei Augsburg tätig, und hier besonders im Bereich der Integration von Flüchtlingen. Neben Deutschkursen, die ohnehin im Bestand sind, ging man in Augsburg der Frage nach: „Was braucht ihr hier vor Ort?“ und suchte die Antworten direkt in den Unterkünften der Asylsuchenden. „Das deutsche Leben kennenzulernen“, aber auch ein kostenlos nutzbarer Internetanschluss ist den befragten Asylant(inn)en wichtig. In den Unterkünften ist oftmals nicht einmal ein Hausmeister anwesend, so dass Bibliotheken als „3. Ort“ gerade für Flüchtlinge eine dringend notwendige Erweiterung ihrer Interimsheimat darstellen, um etwas über das Leben der Deutschen zu erfahren. In der Stadtbücherei werden als Reaktion auf die Umfrage auch vermehrt digitale Medien, zum Beispiel zum Sprachenlernen, aufgebaut.

„Die Leute wollen erst einmal ankommen, und nicht im Koran lesen“, konstatiert Gönül Yerli, Vizedirektorin der Islamischen Gemeinde in Penzberg. Sie erinnert sich, als Mädchen die deutsche Sprache am besten über Enid Blyton und TKKG-Bücher gelernt zu haben. „Der Wunsch nach deutschen Büchern wird kommen“, so Yerli, doch das Vehikel „Buch“, das in Deutschland und Europa Informationen vermittelt, ist nicht in allen Ländern das beliebteste Mittel. So würde in der Türkei höchstens ein Buch in fünf Jahren gelesen, in Deutschland hingegen fünf.

„Eine Bibliothek stellt für Migrant(inn)en einen Aufenthaltsort dar, der nichts kostet und gut erreichbar ist – einfach mal rauskommen aus der Unterkunft“, fasst es Julia Heinz zusammen, und Yilmaz Holtz-Erasin fügt hinzu, dass Bibliotheken auch für mündlich tradiierte Gesellschaften, also Erzählkulturen, gute Aufenthaltsorte darstellen. Hier böte das „Cafe Deutsch“ der Interkulturellen Bibliothek der Stadtbücherei Duisburg eine Möglichkeit an, sich mündlich auszutauschen und „Vorlesen für Erwachsene“ mit Vorlesepat(inn)en anzubieten.

Auch wurde eigens eine Themenbibliothek unter dem Titel „Ankommen in Deutschland“ bereit gestellt, mit zweisprachigen Büchern und Broschüren. Vorteilhaft sei die Zusammenarbeit mit Museen und der Volkshochschule. Wichtig sei es auch, die Mitarbeiter/innen einer Bibliothek für den Umgang mit ausländischen Gästen zu sensibilisieren.

Weitere Maßnahmen und Angebote für ausländische Gäste, die in der Podiumsrunde genannt wurden, sind:

  • Buchempfehlungen von ehemaligen Flüchtlingen
  • Orte zum Arbeiten anzubieten, ähnlich den Goethe-Instituten
  • vor allem weniger Bürokratie, indem Regelungen gefunden werden, wie beispielsweise unbegleitete jugendliche Flüchtlinge auch ohne die Unterschrift Erziehungsberechtigter entleihen können
  • Einnahmeverluste über Spenden aufzufangen (wie in Grassau)
  • Bibliothek der Lebenden Bücher (wie in den Leipziger Städtischen Bibliotheken)

Weiterführendes und Hilfestellungen zum Thema „Willkommenskultur“ bzw. Integration bzw. Flüchtlinge und Asylanten bieten:

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3 Antworten

  1. […] ausgerichtet vom Bayerischen Bibliotheksverband (BBV) in München am 26.11.2105 zufrieden fest. Die vorangegangene Podiumsdiskussion (siehe Beitrag) unter Moderation von Katrin Fügener, Stadtbücherei Penzberg, erbrachte, dass sich Bibliotheken […]

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  2. […] des BIB, Landesgruppe Bayern am 26.11.2015 in München fand im Anschluss an die Podiumsdiskussion und den Vorträgen zum Thema “Willkommenskultur” im Rahmen des Mitgliederforums des […]

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  3. […] (Anmeldung bis 15.09. hier). Da der Termin frühzeitig bekannt gemacht wurde (und zwar bereits zum BBV-Mitgliederforum im November 2015), konnte ich ihn ausnahmsweise hübsch zwischen zwei Leitbildveranstaltungen […]

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