BBV-Mitgliederforum 2015 (II) zur Willkommenskultur in Bibliotheken

„Wir haben in Deutschland aus der Migrationsgeschichte der letzten 40-50 Jahre hinzugelernt“, stellt Gönül Yerli, die Vizedirektorin der Islamischen Gemeinde in Penzberg und Podiumsteilnehmerin zum Thema „Willkommenskultur“ des Mitgliederforums 2015, ausgerichtet vom Bayerischen Bibliotheksverband (BBV) in München am 26.11.2105 zufrieden fest. Die vorangegangene Podiumsdiskussion (siehe Beitrag) unter Moderation von Katrin Fügener, Stadtbücherei Penzberg, erbrachte, dass sich Bibliotheken und ihre Mitarbeitenden einiges einfallen lassen, damit sich Menschen, die in unserem Land Schutz und Hilfe und eine neue Heimat suchen, bei uns willkommen fühlen. Ob es ausreicht bzw. ob es uns zur Ehre gereicht? Da bin ich mir nach diesem Tag  nicht ganz sicher, doch gute Ansätze sind erkennbar.

Ein „fränkisches“ Willkommen

Am Beispiel Erlangens stellten Dr. Sandra Heuser, Universitätsbibliothek der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), und Anne Reimann, Stadtbibliothek Erlangen, dar, „Was Stadtbibliothek und Universitätsbibliothek zur Willkommenskultur beitragen“ können.

Im Grunde gelten alle Bibliotheksangebote für Flüchtlinge und Migrant(inn)en in der selben Weise wie für einheimische Bürger/innen. Allerdings geht die Stadtbibliothek einen Schritt weiter, indem das Büchereiangebot für 1 Jahr kostenlos genutzt werden kann und die sogenannten „Flüchtlingspaten“ generell die Bibliothek kostenlos nutzen dürfen. Die Einnahmeverluste werden über Spenden ausgeglichen.

Auch in der FAU-Bibliothek können Flüchtlinge …

  • einen kostenlosen Benutzerausweis erhalten
  • konventionelle Medien ausleihen
  • Internet-Terminals und elektronische Medien nutzen

Stadtbibliothek und FAU-Bibliothek legen hohen Wert auf die situativ passende Qualität von Führungen. Erstere organisiert Führungen teilweise über eine Flüchtlingshilfe-Organisation, zuweilen sogar mit Dolmetscher. Schon beim ersten Schritt in die Räume der Stadtbibliothek finden die Nutzer außerdem eine große Landkarte, auf der Nadeln ins jeweilige Herkunftsland gesteckt werden können. Eine nette Willkommensgeste, die durch eine Informationswand ergänzt sowie von Ausstellungen flankiert wird, beispielsweise in Kooperation mit Amnesty International.

Beide Bibliotheken sehen im erweiterten Bestandsaufbau – in der Stadtbibliothek über Spenden generiert – eine wichtige Hilfestellung für die ausländischen Gäste, sei es durch internationale Zeitungen, Hörbücher oder Medien für Sprachkurse, Wörterbücher und Online-Lexika. Die Stadtbibliothek setzt auch hier wiederum auf ein spezielles Angebot für Vermittler, beispielsweise Spiele zum Deutschlernen für Kinder und Erwachsene.

Eine gänzlich „bodenständige“ und praktische Willkommenshilfe ist sicherlich, Platz zu schaffen. Also Regale raus, Arbeitsplätze rein. Denn ein Ort, an dem sich’s ohne Angst zusammensitzen lässt, an dem friedliches und ruhiges Lernen möglich ist, das dürfte in Anbetracht der sicherlich nicht einfachen Situation in Flüchtlingsheimen und -lagern mit zu den dringendsten Wünschen zählen, die man sich vorstellen kann. Apropos vorstellen – sehr konkret wurden die Wünsche der Flüchtlinge von der FAU abgefragt, doch dazu gleich mehr.

Anne Reimann verhehlt nicht, dass es unter den Mitarbeitenden unterschiedliche Meinungen zum Thema „Willkommenskultur“ gibt. Dabei sei eine klare Linie von Seiten der Führung notwendig, da richtungsweisend.

Studium für Asylanten. Die Angebote der FAU Erlangen-Nürnberg

In Erweiterung des Bibliotheksthemas ging Dr. Sandra Heuser an diesem Nachmittag auch auf Angebote der Universität selbst ein, und zwar im Hinblick auf die Studienmöglichkeiten von ausländischen Gästen, die in Unsicherheit auf ihre Verweildauer in Deutschland leben.

Die Angebote gründeten sich auf Handlungsempfehlungen an städtische Einrichtungen, die wiederum aus einer Umfrage innerhalb des Forschungsprojekts  „Was Flüchtlinge brauchen – ein Win-Win-Projekt“ generiert wurden.

Angebote bzw. Komponenten für Asylsuchende sind:

  • Orientierungsgespräche auf der Grundlage der Bildungsbiografie, von denen bisher etwa 900 durchgeführt wurden
  • Allgemeine Studienberatung
  • In der Hauptsache Sprachkursangebote, Feriencamps (zusammen mit Erasmusstudierenden; die entstandenen Kosten werden aus Drittmitteln, hier die Förderung zur Internationalisierung der Universität, bestritten) …
  • … für die eine Teilnahmebescheinigung bzw. Modulbestätigung ausgegeben wird.
  • Bei nachgewiesenen Sprachkenntnissen bis B1 ist ein „Schnupperstudium“ möglich. Dies wurde bisher von etwa 50 Flüchtlingen wahrgenommen. (Anmerkung: das zweitgrößte Auffanglager Bayerns liegt im nahen Zirndorf.)
  • Ab Level B2 (soweit die mündliche Aussage, in meinen Recherchen fand ich sie nicht bestätigt, B1 war als Minimum angegeben) kann die (gebührenpflichtige!) DSH-Prüfung (Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang) erfolgen …
  • … um für einige ausgewählte Studiengänge zugelassen zu werden. Darüber liegen jedoch keine Anmeldezahlen vor, und verwunderlich ist das nicht.

Mein Fazit:

Die Angebote der Universität vermittelten trotz aller erkennbar guter Ansätze ein Gefühl der Ratlosigkeit, wie es denn für die bzw. den einzelne(n) asyl- und heimatsuchende(n) „Akademiker/in in spe“ zu schaffen sei, die Hürden bis zu einem Studium in Erlangen (sprich: Deutschland) zu bewältigen und wenn ja, was sie – außer einem Lerneffekt – davon haben. Denn ein grundsätzliches Manko ist, dass eine Immatrikulation für Geflüchtete nicht vorgesehen ist. Die Projektteilnehmenden erhalten als „Gäste“ keine ECTS-Punkte. So what?

Von einem nicht anerkannten Studium lässt sich nichts „abbeißen“, geschweige denn, einen akademischen Beruf ergreifen. Die Mühen wären in einer Ausbildung wohl besser angelegt. Zumal die Zeit, in der Flüchtlinge hier sind, nicht ausreichen dürfte, um all die Hürden zu überspringen. Danach heißt es wieder: zurück in die Armut – zumindest bei dem überwiegenden Teil der Hilfesuchenden. Mit einem Bild vor Augen, wie ich Deutsche es aus glücklichen Kindertagen hatte: „Würstchen-Schnappen“. Kennen Sie auch? Bevorzugt an Kindergeburtstagen, inklusive Gratulationen und herzlichen Glückwünschen für die Zukunft.

Nun ja, das Motto fürs Mitgliederforum 2016 wäre wohl eine elegante Fortsetzung einer stellenweise nur im Ansatz erfüllten Willkommenskultur: „Verabschiedungskultur“.

Demokratie hat Nachbarn, oder: ein bitterer Kommentar

Werfen wir einen Blick in das „Manifest der UNESCO 1994 – Öffentliche Bibliotheken“. Leider scheint es eine adäquate Entsprechung auf WB-Ebene nicht zu geben, ich halte das ÖB-Manifest jedoch für adaptierbar.

„Das Recht auf den Zugang zu Informationen und kulturellem Erbe sichert das Grundgesetz jedem Bürger zu.“ (Aus dem Vorwort)

„Freiheit, Wohlstand und die Entwicklungsmöglichkeit von Gesellschaft und Individuum gehören zu den Grundwerten des Menschen. Allein die Fähigkeit gut informierter Bürger, ihre demokratischen Rechte auszuüben und aktiv an der Gesellschaft mitzuwirken, sichert diese Werte. Konstruktive Teilnahme an der Demokratie und ihrer Entwicklung beruhen ebenso auf einer hinreichenden Bildung wie auf dem freien und unbeschränkten Zugriff auf Wissen, Denken, Kultur und Information.“ […] (S. 5)

Flüchtlinge kommen also in ein demokratisch regiertes Land, aus denen sich Rechte und Pflichten ableiten, auch für Nicht-Staatsbürger/innen. Doch die Teilhabe an diesem Land und seinen Bildungserrungenschaften bleibt ihnen letztendlich verwehrt. Schutz- und Heimatsuchende könnten uns viel geben, und sie könnten viel in die Welt hinaustragen, wenn sie wieder zurückkehren (müssen). Es ist das eine, in ein Land hineingeboren zu werden, das einem die Möglichkeiten der Bildung und des Wachsens nicht bietet oder das einem aus dem Sattel wirft. Es ist das andere, aus einem Land, das alle Grundvoraussetzungen für Bildung und Erfolg geschaffen hat, mangels passender Steigbügel wieder abgeschoben zu werden.

Es muss bitter sein, keine echten Chancen zu haben. Hoffen wir, es bleibt keine Bitterkeit zurück, die sich später an uns, die wir innerhalb einer globalisierten Welt leben, rächt. Denn es sind alle unsere Nachbarn, über kurz oder lang, und ob wir uns das wünschen oder nicht. Kann sein, dass wir dem Nachbarn nicht gerade die Nase vor der Türe zuschlagen – was sich ja so manche Bürger/innen unter uns bereits lauthals wünschten. Die Tür jedoch nur einen spaltbreit zu öffnen, dem Nachbarn lediglich Einblick in die gute Stube zu gewähren, ihm aber außer einer lauwarmen Tasse Tee nichts weiter mehr anzubieten, das ist nicht die Gastfreundschaft, aus der Gutes erwächst. Für das gäbe es sicher ebenfalls keine ECTS-Punkte.

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Eine Antwort

  1. […] Landesgruppe Bayern am 26.11.2015 in München fand im Anschluss an die Podiumsdiskussion und den Vorträgen zum Thema “Willkommenskultur” im Rahmen des Mitgliederforums des Bayerischen […]

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