Selbständig in der Erwachsenenbildung – reizend, oder doch eher reizend?

… oder: Ein offener Brief.

Zur Zeit weht ein eiskalter Wind durch das Bibliothekswesen. Die Diskussion, ob selbständige Erwachsenenbildner/-innen im Hauptprogramm eines Bibliothekskongresses einen Fachvortrag halten dürfen, oder aber, ob sie in die Ecke der Firmenvorträge geschoben werden, mithin sich als Werbetreibende wider Willen gebärden müssen, schlägt hohe Wellen.

Letzteres käme für mich nicht in Frage, da ich Wissen vermitteln und keine Werbung betreiben möchte. Jahrelang als Kommissionsvorsitzende (nach Aufforderung, den Posten zu übernehmen bzw. die neue Kommission einzurichten) gelitten, mein Fachwissen abgegreifen lassend, nach meinem (aus privaten Gründen) abgegebenen Vorsitz erneut gefragt, ob ich denn nicht wieder zur Verfügung stünde, posthum als „Unding“ bezeichnet, dass eine Selbständige diese Position innehatte, s. BuB, H. 2, 2016, sollte man mich besser nicht nach dem „Reiz der Selbständigkeit“ (siehe wb-web.de „Was reizt Sie am Beruf des Erwachsenenbildners?“) fragen. Zumindest nicht, was den kollegialen Umgang mit meiner Person im Zusammenhang mit meiner – mal gerne, mal nicht so gerne gesehenen – Position anbelangt.

Was treibt sie nur an?

Was treibt einige meiner Bibliotheksfachkollegen nur an, derart hart ins Gericht mit uns Selbständigen zu gehen? Wir bekommen unser Geld von der gleichen Stelle wie alle anderen auch – nämlich von staatlichen und kommunalen Behörden bzw. Steuerzahlenden. Eben nur über den kleinen Umweg einer/-s Bibliotheksangestellten, die oder der uns für ein Coaching, einen Workshop, ein Seminar etc. bucht. So what? Ist das etwa ehrenrühriger? Sind wir tatsächlich auf Fachtagungen nur im Zusammenhang mit einer Bibliothek, die uns entweder angestellt hat oder in deren Namen wir sprechen dürfen, anerkannt? Und dürfen somit gnädigerweise öffentlich den Mund auf machen? Sind wir denn dadurch glaubwürdiger, kompetenter oder vertrauenswürdiger?

(Schleich-)Werbung machen … als wenn das alles wäre, was uns antriebe. (Wobei auch Bibliotheken Werbung betreiben, Professor(inn)en für ihre Reputation sorgen und in Nebenjobs nett verdienen, oder auch Fördermittel eingeworben werden, wo man sich kunstvoll darstellt, um einen besseren Ruf und damit möglicherweise einen besser bezahlten Job zu bekommen … ÜBERALL wird geworben, wird sich öffentlichkeitswirksam gebärdet … das ist doch an sich normal und sogar geboten!).

Wo bleibt die freundliche, positive und wertschätzende Gesinnung?

Wo bleibt die freundliche, positive und wertschätzende Gesinnung gegenüber unserem Fachwissen, das zuweilen dringend benötigt wird und für deren Erreichung „Unselbständige“ aufgrund des Alltags einfach keine Zeit haben? Ja, wir Selbständigen haben die Zeit. Weil wir sie uns nehmen wollten und sie uns nehmen müssen. Um natürlich, wie alle anderen auch, leben zu können. Dass die Zeit der Selbständigen für die Erlangung dieses Wissens (oft in kostspieligen Weiterbildungen) nicht umsonst ist, dürfte allen klar sein. Fachwissen also gegen Geld. Fairer Tausch. Und auf Bibliothekskongressen sogar nicht einmal dafür, sondern gegen höchstens eine moderate Aufwandsentschädigung oder lediglich gegen eine erlassene Eintrittsgebühr. Als wenn’s auf diese noch ankäme. Menschen, die aus der Wirtschaft kommen, fragen uns ohnehin, ob denn eigentlich unsere (immer verschämt genannten) Honorarbeträge nur die Spesen wären.

Und nicht vergönnt … reguläres Mitglied in einem Personalverband

Doch nein, auch diese seien uns nicht vergönnt. Und von einigen außerdem nicht vergönnt wird uns jüngst, dass wir reguläres Mitglied in einem PERSONAL-Verband wie die des BIB, Berufsverband Information Bibliothek sein dürfen. Man stelle sich vor – meine eigenen, überwiegend aktiven Verbandswurzeln reichen zurück bis 1985 (ungefähr). Da war ich noch Beamtin, später auf Lebenszeit. Darauf kam’s mir jedoch nicht an. Stopp. War DAS etwa der Fehler?!

Wie auch immer – anstatt mir zu meinem 30-jährigen treuen und loyalen Verbandsleben zu gratulieren, darf ich mich stattdessen heute rechtfertigen, überhaupt noch Mitglied zu sein. Muss mich rechtfertigen, warum ich nicht in der Ecke des nichtstimmberechtigten, jedoch fördernden Mitglieds stehe. Nach dem Motto: mein Geld, JA, meine Mitbestimmung und -gestaltung, NEIN. Ihr Lieben, so geht die Rechnung niemals auf. Nicht für  mich, nicht für euch. Milchmädchenrechnung, so nennt sich das. Große Ziele haben, „Gemeinsam schaffen wir alles, sind wir ein starker Verband“ … und dann doch zu kurz gesprungen sein. Wie schade. Wie dumm.

Und was tu ich, statt schlicht und einfach meine Mitgliedschaft aufzukündigen? Wenn der Mohr seine Schuldigkeit getan hat und nun (nicht mehr mit-)gehen soll? Wenn das 3.-Klasse-Abteilung gerade gut genug zu sein scheint, aller beinahe sklavischer Bemühungen der letzten 30 Jahre zum Trotz?

Ich gräme mich, ich schäme mich, ich bin gekränkt

Ich gräme mich bei dem Gedanken, es einigen anderen Selbständigen und mit dem Verband mittlerweile Unzufriedenen nachzutun, die allen Grund haben, zu kündigen. Und ich schäme mich fast, es ihnen nicht umgehend gleich zu tun. Denn was mich (immer) noch zurückhält, das ist meine Loyalität gegenüber früheren Verbandskolleginnen und -kollegen, die (genau so wie ich) sich wertvolle Lebenzeit abringen, Schweiß und Mühe und Tränen vergossen haben (ja, auch dieses!), um den Verband ein Gesicht zu geben. (Julia, jetzt käme deine Stelle mit dem „Mein Foto wollten sie, meine Mitgliedschaft nicht (mehr).“

Es ist auch die Loyalität gegenüber den Angestellten der BIB-Geschäftsstelle, die von irgendwem bezahlt werden wollen und für die wir (jetzt das WIR des Noch-Verbandsmitglieds) alle mitverantwortlich sind. Liebe Katharina, lieber Bernd – IHR sollt nicht unter Einzelmeinungen einiger missgünstiger, misstrauischer oder missmutiger (?!) Zeitgenossen, die nicht unbedingt ein eigenes reges Verbandsleben pflegen und von daher nicht wissen können, von was sie reden, leiden müssen. IHR nicht! Eure vorbehaltlose Unterstützung, euer Vertrauen, eure Wertschätzung all die Jahre … ja, sie hält mich auf, diesen Schritt zu vollziehen. Doch ob das noch lange reicht, nachdem’s mir langsam wirklich reicht von dieser unseligen Diskussion?!

Also, den Leipziger Kongress warte ich noch ab. Dort soll es einen Workshop zu diesem Thema geben. Ob Selbständige weniger Rechte haben als pauschal und regelmäßig Verdienende, ob sie was, und wenn Ja, wo, wann, wie und zu wem etwas zu sagen haben. Ob sie sich mit einem Sticker kenntlich machen sollen, damit man ihnen auch wirklich nicht unbefangen oder aus Versehen begegnen braucht (den BIB-Button werden sie mir ja dann wohl abnehmen) … ja, ein wenig bitterer Zynismus sei mir gestattet. Und wo wir schon bei gnädiger Erlaubnis und vorbehaltlicher Absolution sind: Ich gestatte mir hiermit in diesem Jahr meine Fachtagungs-Abwesenheit.

Denn ich will nicht nur gelitten, sondern weiterhin integriert bleiben und mich nicht wie eine Aussätzige fühlen müssen. Mit weniger gebe ich mich nicht zufrieden. MEIN Eintrittsgeld braucht man ja offenbar nicht, mein Wissen will man nur zu für mich indiskutablen Bedingungen. Sorry, doch meine Zeit ist mir zu kostbar, um als imaginäre wandelnde Litfassäule behandelt zu werden. Im Übrigen sind viele Firmeninhaber/innen ebenfalls nicht nur geldgierige Wesen, sondern oft mit ganzem Herzen der Bibliothekswelt verbunden und leisten sich viel Großzügigkeit ihr gegenüber.

Ja, ich bin gekränkt. So viel Ehrlichkeit muss sein. Doch Krankheit ist nur ein Symptom. Wo die Wurzeln liegen, die Schwachstelle, in die entzündliche Keime eintreten können, Bakterien, die alles verseuchen, was einem lieb und wichtig ist und war, aggressive Viren, die sich durch all diese(s) Miss(tig)e verbreiten, … das lässt sich herausfinden. Mindestens eine Entschuldigung wäre angebracht. Der unbekannte Rest ist Schweigen. Keine Meinung ist ebenfalls kränkend.

Ob die Wunde je verschlossen werden kann? Ich meine, wenn es einen kompetenten Ärtzestab gäbe, zum Beispiel in den Reihen eines engagierten, gerechten, loyalen und integren PERSONALverbandes, der offen und mutig die Bedarfe ALLER seiner Mitglieder, egal, ob mit oder ohne Gehaltszettel klar, deutlich und unmissverständlich (den Satz, ein Vorstandsmitglied betreffend, aus eigener Einsicht gestrichen) vertritt, dann wäre Heilung in Sicht. Wo nicht, nun – ich sterbe ganz sicherlich nicht daran, doch es stirbt das Binnenverhältnis. Und stehe ich einmal draußen vor der Tür, dann gibt’s garantiert nichts mehr umsonst. Klar, auch keinen Beitrag mehr.

Nun, jede(r) bekommt wohl das, was er verdient. Sozusagen. Und in meiner freigewordenen Verbandszeit kam auch ich endlich wieder dazu – nämlich richtig zu verdienen. Denn vorher war das durchaus kontraproduktiv. Viel hineingesteckt, keine Aquise betrieben, das Profil einer Verbandspflanze erhalten … so sah’s in Wahrheit aus. Jetzt also mit gutem Gewissen „frank und frei“ (ja, ich bin Fränkin, die halten was aus) Geld verdienen dürfen. Doch dummerweise war diese Motivation nie das Wichtigste für mich – wie so oft bei Frauen, doch das ist ein anderes Thema. Wie auch immer – es war meine Antwort auf die Frage in wb-web:Wie beurteilen Sie die finanzielle Lage für freiberufliche Erwachsenenbildner?“ Sie lautet kurz: Ohne Verbandsarbeit: „Danke, besser!“

Gute Besserung

Ach ja … ich hab’s in Facebook schon einmal gesagt, zur Sicherheit hier erneut: Ich wünsche meinen Fachkolleginnen und -kollegen mit Berührungsängsten, Selbständigenparanoia und unerklärbaren Hetzewallungen eine gute Besserung. Werden Sie schnell wieder gesund! Und falls doch nicht – konsultieren Sie einen Arzt Ihres Vertrauens. Aber Vorsicht – die sind übrigens auch selbständig.

P. S.: Ja, ich finde es schrecklich, so zynisch zu sein. Doch in 30 Jahren darf auch ICH mir einmal erlauben, aus dem Rahmen zu fallen. Denn allzu brave Mädchen kommen in den Himmel, und ich, ich komme … nein, ich will ganz bestimmt nicht überall hin … zumindest nicht mehr dort hin, wo ich in Gefahr laufe, als Gefahr wahrgenommen zu werden. Ende der Durchsage. Nächste Woche habe ich mich sicher wieder eingekriegt, versprochen. Denn Einzelmeinungen dürfen und können nicht mein ganzes restliches Arbeits- und Verbandsleben vergiften.

Es SIND doch Einzelmeinungen. Oder etwa nicht?!?

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Eine Antwort

  1. […] Und es wäre nicht das erste Mal, dass ich Übereinstimmendes, aber auch Trennendes (was nicht minder interessant ist!) zu Bienen und Menschen einem bibliothekarischen Fachpublikum näher hätte bringen wollen. Bereits aus dem Buch “Bienendemokratie” von Thomas D. Seeley war zu erfahren, “Wie Bienen kollektiv entscheiden und was wir davon lernen können” (S. Fischer, 2014). Als Grundlage zu einem Vortrag für den Bibliothekartag in Nürnberg 2015 unter dem Titel “Zwischen Bienenfleiß und Angriffslust: das Bibliothekswesen im Licht der Imkerei” eingereicht, fand es gleichwohl leider keine Annahme. Doch das lag eher an der Tatsache, dass man Selbständigen gegenüber generell und grundsätzlich verwehrt, im Hauptprogramm Aufnahme zu finden. Darüber habe ich mich an anderer Stelle zur Genüge ausgelassen. […]

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