Selbstversuch als Teilnehmende oder: „Was du nicht lerntest, obwohl du’s lehrst, …“

VideokameraRegelmäßig schlüpfe ich in die Rolle einer Teilnehmerin und gönne mir eine Fortbildung. Natürlich sehe ich den Seminarleiter aus einem ganz eigenen Blickwinkel. Ich will auch nicht überkritisch sein oder ihm oder ihr ins Handwerk pfuschen. Doch selbstverständlich nehme ich rege Anteil am Geschehen und bringe mich mit ein. Schließlich zahle ich auch Teilnahmegebühren.

Kommunikationsmodelle

Und im Falle von Äußerungen des Trainers, dass „auf einen groben Klotz durchaus auch ein grober Keil gehört“, muss und brauche ich mich ganz sicher nicht zurückhalten. Da schrie die Kommunikationstrainerin in mir „Hilfe, geht gar nicht!“.

In konsequenter Missachtung führte der Trainer des von mir besuchten Seminars viele seiner eigenen theoretischen Ausführungen ad absurdum, wie zum Beispiel eine „Kommunikationsgrundregel“ (sic!), „die Ihnen alle bekannt sein dürfte“, so der Trainer. (Was, die kennen Sie nicht? Ich auch nicht. Na, wenigstens fiel etwas später mal kurz der Name „Schulz von Thun“. Ach so, das „4-Ohren-Modell“ oder auch „4-Seiten-Modell“ bzw. „Kommunikationsquadrat“. Tipp: Kann ein Trainer seine Modelle weder exakt benennen noch die dazugehörenden Begriffe sauber aufführen, sollte er sie lieber nicht verwenden.)

Wie auch immer … Dem Modell zufolge könnten „klotzartige“ Beleidigungen (die den Bereichen der Selbstbekundung, des Beziehungshinweises oder des Appells zuzuordnen sind) überhört und stattdessen auf die Sachinhalts-Ebene gelenkt werden.

Möglich wäre auch ein klärendes 4-Augengespräch mit der klar hervorgebrachten Bitte, Beleidigungen künftig zu unterlassen. Das Beispiel bezog sich auf einen Bürgermeister, der seine Stadträtin verbal anging, was offenbar sein „normales“ Verhalten war.

Fest steht: Verbal zurückzuhauen dient keiner konfliktfreien, konstruktiven Gesprächsführung. So entstehen lediglich (Klein-)Kriege, die am Ende der siebenstufigen Konfliktleiter (nach Glasl*) stehen. Herr Lehrer, bitte – das sind BASICS! Es reicht nicht, ein bisschen in der Methodenkiste rumzupfuschen, um sich als Seminarleiter berufen zu fühlen. Das dient nur ihrem Geldbeutel und nicht der De-Eskalation am Arbeitsplatz, vom Weltfrieden ganz zu Schweigen. Auch nicht der überzeugenden Argumentation, denn ein Klotz auf einem Klotz überzeugt nur in einer Hinsicht: Da ist Gewalt im Spiel!

Dennoch nicht verloren

Nun, mein Geld war nicht gänzlich zum Fenster hinausgeschmissen, denn die Übungen aus der (zum Teil missverständlich eingeführten) Methodenkiste waren lehrreich, da die Teilnehmenden topp drauf waren. Um so unverständlicher waren die zahlreichen, brummig-harschen Anweisungen des Herrn Seminarleiters, der seine Rolle sehr einseitig, nämlich Ich-bezogen auslegte und sich in der Rolle des Dompteurs wähnte.

Die Teilnehmenden machten sich in den Pausen gegenseitig Mut und motivierten sich, durchzuhalten. So war der Zusammenhalt der Gruppe ein recht angenehmer, der sich positiv auf die Inhalte auswirkte. Interessant für mich war, dass wir (mein Kollege Burger war ebenfalls dabei) trotz des – ja, ich muss das jetzt so sagen: grottenhaft dilletantisch in Methodik wie Didaktik vorgehenden Seminarleiters (wobei er doch zumindest die Technik des Videoeinspielens beherrschte, immerhin) – einiges an Erkenntnissen mit nach Hause brachten. Dafür danken wir den Teilnehmenden herzlich!

Und: Nein. Ich verrate weder Seminarort noch den Namen des Referenten. Es reicht schon, dass ich in die Gefahr laufe, mit dieser Schilderung „mein eigenes Nest zu beschmutzen“. Was ich stattdessen will, ist, Sie zu motivieren, dass sich Fortbildung auch mit ungünstigen Rahmenbedingungen trotzdem lohnen können. Wenn SIE es wollen und SIE den inneren Ablauf mit steuern! Denn das Selberdenken und -handeln kann und darf Ihnen ohnehin niemand abnehmen oder gar verbieten. Und den Mund schon gar nicht, im Sinne von: „Das werde ich jetzt nicht mit Ihnen diskutieren“, um dann seinerseits lang und breit einen Monolog dranzuhängen. Bestehen Sie zumindest auf ein 4-Augen-Gespräch. (Wir hatten keine Zeit mehr dazu).

Lassen Sie keinesfalls alles über sich ergehen und mit sich machen. Erwachsene Menschen haben ein Recht darauf, mitzubestimmen. Heute ist das gelebte Modell die des Lernbegleiters, nicht die des Oberlehrers. Falls da wer einen Paradigmenwechsel verschlafen hat, sollte er noch einmal die Schulbank drücken. Es gibt da prima Weiterbildungen, wie man ein fähiger Erwachsenenbildner werden kann. Nur fachlich versiert (bzw. in diesem Falle „vorbelastet“ zu sein), das genügt heute nicht mehr.

Und: Nein. Ich habe auch entgegen meiner innersten Einstellung (mit dem Thema hatte ich sogar diplomiert) keinen Evaluationsbogen abgegeben. Denn das Ergebnis hätte nur lauten können: „Setzten, Fünf Minus.“ Dazu bin ich dann doch zu kollegial eingestellt und gestehe jedem Trainer mal einen (in unserem Falle waren es zwei) schlechte Tage zu. Er wird an meinen / unseren Reaktionen hoffentlich gelernt haben und sich künftig auf die Seite der Teilnehmenden stellen, sonst hat er nämlich bald seinen Job verloren.

* Nachzulesen bei Friedrich Glasl: Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Führungskräfte, Beraterinnen und Berater. Haupt, Bern 9. A. 2009, ISBN 978-3-258-07556-3.

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