Erfolgreiche Bibliotheken – auf wessen Rücken? Nachgedanken zum BBT 2016

Hörsaal 10, Uni PassauVoller Respekt, doch auch sehr nachdenklich entlässt mich der Bayerische Bibliothekstag 2016, der vom 5.-6.10. am Uni-Campus Passau sehr gut organisiert über die Bühne ging. Im Themenkreis 2 ging’s um die „Lebenswelt Bibliothek“ und deren „Räume im Wandel“.

Münchner Stadtbibliothek Giesing

Vortrag Arne Ackermann, Gerlinde Zimmermann, Münchner Stadtbibliothek GiesingSo war denn auch die erste Frage, nachdem die Münchner Bibliotheken ihre erfolgreiche Giesinger Wiedereröffnung bzw. ihren Neubau bzw. ihre Zusammenlegung (je nach Position trifft der eine oder andere Begriff besser zu) vorstellte: „Wie konntet ihr euch das leisten?“ Nun lässt sich ein städtischer Haushalt einer Millionenstadt nur schwer mit Bibliotheken kleinerer und mittlerer Städte vergleichen. Die Antwort Dr. Arne Ackermanns fiel naturgemäß eher „unspezifisch-komplex“ aus und konnte speziell für den Fragenden nicht wirklich hilfreich sein.

Nun, ob ihm die nachfolgenden Vorträge aus Fürth und Penzberg besser geholfen haben? Ich hätte mich gerne mit ihm darüber unterhalten, denn MICH ließen sie sehr nachdenklich zurück: Christina Röschlein, die die Erfolgsstory zur Neu- bzw. Wiedereröffnung des historisch bedingten Zweifach-Novums, nämlich „Volksbücherei“ und „Innenstadtzweigstelle“ zum Besten gab, sowie Katrin Fügener, die den (im Prinzip mehrfachen) Umzug der Stadtbücherei schilderte, ebenfalls mit nachfolgender Erfolgsbilanz.

Volksbücherei Fürth – Innenstadtzweigstelle

Vortrag Christina Röschlein, Volksbücherei FürthUnd hier kommen wir zum ersten Punkt, an dem ich mich reibe. Während sich die Fürther Erfolge zunächst anhörten, als wären sie „lediglich“ dem richtigen Gebäude, den richtigen Kooperationspartnern und dem richtigen Konzept geschuldet, ergab meine Nachfrage dann doch, dass hier – neben den 6 hauptamtlichen Köpfen – so einiges nur mit Hilfe freiwilliger Leistung erreicht werden konnte.

Vortrag Christina Röschlein, Volksbücherei Fürth, Folie Entwicklung NutzeranmeldungenSie gehen in Richtung „Ehrenamt“, „Zusatzleistung ohne qualifizierte Ausbildung (hier die Cafébetreibenden, die z. B. am Sonntag die Ausleihwilligen betreuen) sowie Zusatzqualifikation der Bibliotheksleitung über das eigentliche Berufsbild hinaus (hier Werbemitteldesign), nebst honorarfreien oder -armen Veranstaltungen (dahinter stehen ebenfalls „Rücken“). Die Beteuerung, die Mitarbeiterzahl würde durchaus ausreichen, konnte meine Restzweifel nicht ausräumen, und offenbar die von anderen ebenfalls nicht. „Irgendwas machen wir wohl falsch“, so das skeptische Resümee einiger, oder auch: „Glück gehabt, doch steht und fällt das mit den Cafébetreibenden. Wie oft das heutzutage wechselt, weiß man ja …“)

Vortrag Christina Röschlein, Volksbücherei Fürth, Folie Entwicklung AusleihzahlenSoll ich mit dieser Fürther Erfolgsgeschichte beispielsweise in wenigen Tagen „meine Arnsberger“ motivieren, die sich auf den Weg zu neuen Ufern machen (müssen)? Gehört Glück einfach dazu? Darf und kann man sich darauf verlassen? Muss man mehr als „nur“ Bibliotheksfähigkeiten haben, und sind diese heute erwartbar oder bereits einforderbar? Hm, hm, hm …

Stadtbücherei Penzberg

Vortrag Katrin Fügener, Stadtbücherei PenzbergPenzbergs Leistungen zielen in eine ähnliche Ecke. Stichworte wie „Ehrenamt“, Leistungserbringung weit über die eigentliche Aufgaben hinaus, im Prinzip sogar Gefahr für die Gesundheit der Mitarbeiter/innen (Umzugskisten packen, schleppen, auspacken, wieder einpacken, … und das gut und gerne, wenn ich das richtig verstanden habe, 3-4-mal hintereinander, auf einer Baustelle arbeiten), die aber auch „zivilen Ungehorsam“ bedeutet, indem städtischer Grund „besetzt“ wurde, ohne, dass vorher dazu Beschlüsse gefasst wurden. Mutig, mutig.

Soll ich auch dieses Beispiel als Vorbild empfehlen, wie man unzumutbare Umstände mit Entschlossenheit, Tatkraft, Phantasie, Krafteinsatz, Gutwilligkeit … ändern kann?

Vortrag Katrin Fügener, Stadtbücherei Penzberg, Folie Fazit / EntwicklungVerstehen Sie mich nicht falsch. Ich bewundere all diese z. T. „unorthodoxen“ Maßnahmen, ja, im Prinzip sehe ich auch meine ehemalige Bibliotheksarbeit darin wiedergespiegelt. Das Ziel vor Augen, alles gebend, nicht immer auf dem linearen, oft auf dem „kleinen Dienstweg“, Muskelkraft (man war ja noch jung), später Feierabend (trotz Lebenszeitverbeamtung, ja, ja!), Essengehen, um die freiwilligen Helfer/innen bei Laune zu halten (natürlich ohne Spesenabrechnung), den Partner mit einspannen, notfalls Drohungen ausstoßen etc. – alles selbst auch erlebt. Doch heute frage ich mich ernsthaft:

Auf wessen Rücken?

Auf wessen Rücken (im Falle Pinzbergs wirklich auch organisch gesehen) werden diese sehr beachtlichen Erfolge erreicht bzw. ausgetragen? Wer, bitte schön, reibt sich darob die Hände und nutzt das beinahe schon schamlos aus? Sind das wirklich Vorzeige- und Leuchtturm-Bibliotheken, die man an einem Bibliothekstag präsentieren darf, ohne explizit auf die präkere Situationen der Bibliotheken im Allgemeinen und im Besonderen hinzuweisen?

Offenbar geht das. Kein Aufschrei von Seiten der Zuhörenden, eher ein „Tja, so ist das halt. Wer was erreichen will, …“. Da war die Frage nach der Finanzierbarkeit wirklich nicht naiv gestellt, sondern sehr, sehr klug und fast schon einer Auflehnung gleichkommend. Danke schön dafür.

Ich jedenfalls, mit zunehmenden Alter und auch zunehmender Erkenntnis, dass da etwas oberfaul ist im Staate Bayerns (und Deutschlands), ich mag das nicht mehr nur goutieren und diese Art Erfolgsgeschichten begeistert, weil unreflektiert beklatschen. Sondern eher diejenigen abklatschen, die sich an unseren Bibliothesk“kräften“ hemmungslos bedienen und das ersparte Geld anderweitig (und oft genug) mit vollen (und sauber gebliebenen) Händen zum Fenster heraus werfen. Und auch diejenigen fragen, die so ALLES gegeben haben: „Geht’s euch noch gut?!“

Liebe Arnsberger, und alle anderen Bibliotheken, die ich die nächste Zeit noch begleiten werde: Ich lege euch sicher nicht ans Herz, über eure Kräfte zu gehen, so dass ihr am Ende sagen müsst wie die Vortragende Frau Fügener: „Das war zu viel, und wenn ich das gewusst hätte …“

Da kann ich nur hoffen, dass der am BBT vorgestellte „Bayerische Bibliotheksplan“ bald greifen möge! Wenngleich der Weg über Konzepte und die erhoffte nachfolgende politische Willensbildung ebenfalls ein schwerer ist, so dürfte er gerechter, nachhaltiger und auch respektvoller sein, als das Austragen der Defizite auf dem Rücken der – ja, ist nun mal überwiegend so! – toughen Frauen, die mal eben wieder die Kohlen aus der Neandertalhöhlen-Feuerstelle holen.

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