Fußnote 68, oder: Lernziel versus Lernergebnis

Lerngruppe [Serie „Fortbildung Ältere“, Teil 4]¹

Ja, der Unterschied zwischen „Lernziel“ und „Lernergebnis“ ist klein, aber fein. Formulierungen zu Lernzielen weisen zumeist Inhaltsbeschreibungen auf, denen ein Satz wie „In diesem Kurs lernen Sie … kennen:“ vorausgehen kann. Das Ziel des Lernens muss unbestritten Eingang finden in die Beschreibung, doch ob man’s dann auch können „muss“, suggeriert in der Formulierungsweise „… können Sie …“ sei dahingestellt. Doch selbst Fachbeiträge, die eine Differenzierung der beiden Begriffe beabsichtigen, verwenden sie im Verlauf ihrer Erklärungen letztendlich doch selbst wieder anonymisierend: „Lernziele bzw. Lernergebnisse“.

Ich gebe unumwunden zu, ich habe eine Allergie gegen die Ausschreibungsformulierung Lernergebnisse (statt Lernziele) à la „Nach dem Seminar können Sie …“. Ein Beispiel dafür ist die ZBIW Köln, die das seit einigen Jahren so aufgrund Zertifizierungsvorgaben, dem Bologna-Prozess folgend, favorisiert und der ich als Referentin notgedrungen darin ebenfalls folgen muss … und Sie wissen, dass ich es nicht gerade bereitwillig tue ;-) . Ein Beispiel, leicht verändert:

Nach dem Seminar haben Sie viele neue Ideen für frische Texte und  große Lust zu schreiben, […] schreiben Sie schneller und sicherer.

Wer es verspricht, muss es halten!

Doch was, wenn das Ziel für den Teilnehmenden weiterhin nicht erreichbar ist, weil’s noch immer nicht schneller als sonst geht und die Lust nach wie vor ausbleibt? Dann lag’s am Lernenden, denn eigentlich wurde es ihm doch fest versprochen und es wurde im Vorfeld alles getan, dieses Versprechen zu halten. Jedoch: Der vielleicht jahrelange persönliche Kampf mit den Buchstaben wird bei vielen kaum innerhalb eines Tages gelöst werden können, dazu braucht es ausdauerndes Training. „Die sagen, man wird es danach können können … schluck … bin ich vielleicht zu blöd dafür?!“ Aber nein, keine Sorge, lieber Lernender. Du bist in Ordnung, lass dich nicht einschüchtern. Und hättest dich wohl weniger unzulänglich gefühlt, wäre die Formulierung gewesen: „Im Seminar erhalten Sie Tipps und Informationen, wie Sie schneller und sicherer schreiben lernen.“

Wer etwas verspricht, muss es halten. Druck wird also bei der Formulierung eines erwartbaren Lernergebnisses (nicht -ziel!) auf BEIDE ausgeübt, Lehrende wie Lernende. Wenn da mal nicht die große Lust wegbleibt!

Und nun komme ich endlich zur Bachelorarbeit von Annett Burkhardt², die mir eine hervorragende Steilvorlage für meinen Aufsatz zu Lernzielen versus Lernergebnissen geliefert hat. Sie griff nämlich im Kapitel 3.4 „Besonderheiten des Lernens Älterer“ (S. 24) genau dieses Thema auf.

In der Erwachsenenbildungsforschung finden sich verschiedene Konzepte zum Lernen Erwachsener. So sehen konstruktivistische Lernkonzepte in den Erwachsenen eine bereits fertige Struktur, in welche nur bedingt neues Wissen einfließen kann. Siebert beschreibt den Erwachsenen als ein in sich geschlossenes System [Fußnote 68]. Jeder entscheidet selbstständig, welche Informationen er aufnimmt und wie er sie verarbeitet. Nicht immer wird dann der vermittelte Lernstoff von den Lernenden so aufgenommen, wie es von den Lehrenden ursprünglich geplant war.

Jawoll! MEINE Lernenden dürfen sich aussuchen, was sie lernen wollen oder nicht. Ich biete etwas an, von dem ich glaube, dass es geeignet ist, sich selbst zu helfen, und zwar über den Seminartag hinaus. Ich zerkratze mir jedesmal die Tastatur, wenn ich gezwungen bin, großspurig zu verkünden: „DAS werden Sie können!“ Wie vermessen, arrogant, anmaßend, wie „Weisheit-mit-Löffel-gefressen-Stil“ das doch ist! Arrglll!

Kommen wir zur Fußnote

Burkhardts Fußnote 68: „Vgl.: Siebert: Theorien (2011), S. 90“ bezieht sich auf den renommierten Erwachsenenbildungsforscher Horst Siebert und seine „Theorien für die Praxis“ (3. akt. u. überarb. Aufl. Bielefeld : Bertelsmann, 2011). Die Subjektorientierung auf den einzelnen Lernenen kennzeichnete einen Paradigmenwechsel des 20. Jahrhunderts. Ich aber habe den Eindruck, wir kommen mit dem Festsetzen von „Sie werden … können“ bereits wieder ganz weit ab davon, zurück in die Zeit, als Lehrende kleine Könige waren, die einem sagen durften: „Und das hast du bis zum Ende der Stunde zu lernen, sonst …“ Ja, was sonst? Schlechte Beurteilungen von (freiwillig) Lernenden? Und das in Fortbildungen für Erwachsene? Bitte nicht! Oder schlechte Bewertung Lehrender? Können die tatsächlich immer etwas dafür, wenn einer, der ungern schreibt, dies trotz vollmundiger „Das werden sie danach können“ immer noch nicht besser kann? Fachkräftemangel wird verhindern, dass bald reihenweise Referent(inn)en arbeitslos werden, immerhin ein Trost.

Ein kleiner Blick in die Erwachsenenbildungsforschung soll meine „Flammrede“ abrunden, damit der Bildungskontext, in welchem ich persönlich mich zu bewegen beliebe, klarer wird.

Es ist aber mittlerweile durchaus Konsens, dass quantitative Methoden empirischer Sozialforschung bei Bildungsfragen eher einen rahmensetzenden, einordnenden Aussagewert haben, während das Verstehen und Begreifen individueller Handlungen den Wissenschaftskern ausmachen. Dies ist gemeint mit einer „Subjektorientierung“ in der Erwachsenenbildungsforschung, welche auf der unhintergehbaren Intentionalität der Lernenden wie der Lehrenden beruht, eingebunden in interaktionelle, institutionelle und systemische Kontexte. Erwachsenenbildung orientiert sich demgemäß sinnvoller Weise nicht an einem Verhaltens-, sondern an einem Handlungsparadigma, nicht an einer Bedingtheits-, sondern an einer Begründungsperspektive.³

Herausgegriffene Schlüsselaussagen sind:

„Intentionalität der Lernenden wie der Lehrenden“ = Das Seminarzielformulierung als Intention, über die wir zu einer Lerngemeinschaft zusammenkommen.

„[… ] orientiert [… ] nicht an einer Bedingtheits-, sondern an einer Begründungsperspektive.“ Bedingtheit wäre demzufolge „Das kannst du danach / hast du zu können“ und Begründungsperspektive „Dieses Ziel begründet dein Lernen / ermöglicht dir Wissen“.

Kann sein, dass andere diesen Unterschied nicht sehen oder sehen wollen. Mir persönlich scheint er entscheidend zu sein, mit welcher Intention ich mich auf Lernende einlasse – nämlich auf Augenhöhe, mit Respekt und Offenheit, mit Aufmerksamkeit und Achtsamkeit in Hinblick auf die ureigensten Lernmotivationen und -bedarfe und eben nicht auf das Erfüllen einseitig festgesteckter Ziele, die allesamt Makulatur sind, wenn wir sie jemanden als gegeben vorsetzen statt darüber zu verhandeln. Oder alltagstauglich ausgedrückt: Ich bringe gerne die Zutaten und Arbeitsgeräte für das Lernzielmenü mit und wir kochen das Süppchen gemeinsam, doch anschließend aufessen und verdauen, dass sei jedem selbst überlassen. Das, was sozusagen hinten heraus kommt, dafür bin ich nicht mehr verantwortlich zu machen. Genau das aber suggeriert die Formulierung von gesetzten Lernergebnissen meines hier reflektierten Eindrucks nach.

Vielen Dank an die Bachelorantin, die dem Anliegen (nicht nur älterer) Fortbildungswilligen mit Ihrer Arbeit erfreulicherweise das Wort gesprochen hat!

¹ Hintergrund zur Serie siehe unter Die Bedeutung von Fortbildungen für ältere Bibliotheksmitarbeiterinnen und -mitarbeiter …

² Burkhardt, Annett: Die Bedeutung von Fortbildungen für ältere Bibliotheksmitarbeiterinnen und -mitarbeiter am Beispiel der wissenschaftlichen Bibliotheken in Hamburg. Bachelorarbeit von Annett Burkhardt … im Studiengang Bibliotheksmanagement an der Fachhochschule Potsdam. 2015.

³ Peter Faulstich, Christine Zeuner: Entwicklung, Situation und Perspektiven subjektorientierter Erwachsenenbildungsforschung. (2011).
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