Wir Bibliothekswesen im Elfenbeinturm

ElfenbeinturmWenn’s um die deutsche Sprache geht, sitzen wir renommierten* Bibliothekswesen als Koryphäen* der Rechtschreibung definitiv* in einem Elfenbeinturm der Seriosität*. Verwöhnt von hinten bis vorne frönen* wir selig* eines adäquaten* schriftlichen Austausches, und selbst Inetbib-Postings werden zwar mit Abstrichen, doch insgesamt* und nach wie vor* exzellent* formuliert. Das ist für die Mehrzahl der Autoren* und Autorinnen obsolet*.

Von der noch immer nicht geklärten Genderschreibweise einmal abgesehen lernten wir, also die vor der Rechtschreibreform Geborenen*, ziemlich* fehlerfreies Schreiben bereits als Häkchen* und krümmten* uns beizeiten. Uns versucht man zwar so manches weiszumachen*, doch insgesamt* wissen wir immer noch* aus dem Stegreif*, ob die subtil* untergeschobene dilettantische* (oder nett gesagt, kreative) Rechtschreibung hanebüchener* Unsinn ist oder eben* doch die vermeintlich* geänderte (und insgeheim unsympathische* und daher verpönte*) richtige Schreibweise.

Generell fahre ich meine Ansprüche dementsprechend* weit herunter, sowie* ich Arbeiten jüngerer Kolleg(inn)en durchsehen oder korrigieren* soll und gerate kolossal* in Entzückung und Ekstase*, wenn’s lediglich die unendlich* falsch- bzw. gar nicht oder aufs geratewohl* katastrophal* platzierten* und den Text haltlos übersäten* Kommata sind.

* Um von meinem hohen Rentier* herab zu steigen, erweist sich die Duden-Liste der schwierigen Wörter als sehr hilfreich. Jedes Wort, welches hier in meinem Blogeintrag ein Sternchen erhielt, ist nämlich* dortselbst zu finden. Mir stockte der Atem, als mir gewahr wurde, wie leicht mir persönlich* doch das Schreiben zu fallen scheint. Anderen eben* nicht. Ich alter Griesgram* muss bloß* endlich* einmal* aufhören*, es als Ärgernis* wahrzunehmen* und stattdessen* und bis auf Weiteres* ein bisschen* mehr Toleranz* zeigen, eben* nicht nur bei potenziell* diffizilen* Wörtern, sondern auch bei Lappalien*. Diesen Schöner-Schreiben-Guerillakrieg* verliere ich ohnehin.

Ach, ich glaube, ich genieße* das Lockerlassen ohne Weiteres*! Dann fällt zumindest* mein stringent* falsch geschriebenes „geradewohl“  voraussichtlich* und hoffentlich* kaum auf.

Willkommen* im Burgverlies* der deutschen Sprache, zieht euch warm an!

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#bibtag14 – mit dem Anfang enden: die Eröffnungsrede

„… Ich war zehn Jahres alt … Wir wohnten in einer Zechensiedlung namens „Dunkelschlag“, die einzigen Bücher in unserer Familie waren die Karl May-Bände …“, so begann Thomas Böhm, Programmleiter des Literaturfestivals Berlin, seinen Eröffnungsvortrag in Art des Storytellings.

Welt des Buches und der Erzählungen

Wer im vollbesetzten Saal erinnerte sich wohl nicht in diesem Augenblick an seine eigenen prägenden Erfahrungen mit der Welt des Buches oder des Erzählens?

MEIN Opa wurde zwar nicht von einem ausgebrochenen Löwen angegriffen, den er „von links auf rechts umzustülpen“ wusste, doch dass er nach dem Krieg beim mühseligen Wiederaufbau seines Hauses praktisch mit Nichts und einer Handvoll Nägel getreu dem Motto: „Dreck und Sand gibt auch ’ne Wand“ einen einsam liegenden Sack Zement mitgehen ließ und dafür ein paar Wochen im (berühmten) Nürnberger Gefängnis saß, ist ein (nicht sonderlich) wohlbehütetes Geheimnis gewesen, welches wir drei Enkelinnen uns immer wieder neu und schauerlich ausmalten. Und unserem Opa erst (zurück)erzählten, als sich das „Geheimnis“ bereits unter den sechs kichernden Ur-Enkelkindern auszubreiten begann. Sein perplexes Gesicht ob unserer Kenntnisse über seine längst vergessen geglaubte – vom Kriegsgeschehen einmal abgesehen einzigste Freveltat seines ansonsten tadellos rechtschaffenen und fleißigen Lebens – steht mir heute noch plastisch vor Augen.

Balsam für die gekränkte Seele

„Vor-Augen-Stehen“ wird mir auch lange noch dieser Eröffnungsabend, obgleich er rein äußerlich wenig spektakulär ausgestattet war. Der Saal „old fashion“ (O-Ton Kirsten), kein beeindruckendes Bühnenbild, kein üppiger Blumenschmuck, dezent schwarz-weiß gekleideter Chors don Bleu des Blaumeier-Ateliers (fabelhaft!), … Doch Thomas Böhm, Chefredakteur von Journalistenwatch (bezeichnenderweise mit dem Zusatz: „Das Portal für Medienkritik und Gegenöffentlickeit“) wusste unsere, meine bibliothekarische, von journalistischen Missgriffen wie Bücherwurm, Leseratte und Duttvergleichen gekränkte Seele mit seinem Eröffnungsvortrag tief und balsamisch zu berühren.

Meist eher lakonisch („Hinein in diesen Raum“), nie jedoch zynisch („vor dem Schreibtisch einer älteren Dame, die mich anlächelte“), szenisch erzählend („Hallo. Möchtest Du Bücher ausleihen?“), nicht dramatisierend („Hast Du denn schon einen Büchereiausweis?“), auf Wirkung bedacht („Ich habe mir vorgenommen, einen Augenblick vor Ihnen zu zögern“), den Spagat dabei, sich nicht anzubiedern, gemeistert („aus Dankbarkeit für diese Frage, die mir vor 35 Jahren eine Kollegin von Ihnen gestellt hat“) und uns allen letztendlich innerliche, zutiefst befriedigende Momente bescherend, zumindest bei mir mit allen körperlichen Merkmalen wie Gänsehaut, Kloß im Hals und feuchte Spuren in den Augen:

„Und als Hommage an die unzähligen Augenblicke, in denen Sie, meine Damen und Herren, diese Frage gestellt haben. Ein Moment des Zögerns auch als Erinnerung an all die Menschen, die jetzt statt meiner hier stehen und die Geschichte ihres ersten Bibliotheksausweises erzählen könnten.“

Mir ging es nun so, wie es dem kleinen Thomas ging: „Als ich den Ausweis dann in Händen hielt, fragte ich: „Wie viele Bücher kann ich denn ausleihen?“ „Soviel du willst.“

Der große Böhm hätte mich jetzt fragen können „Wie viele Stunden kann ich denn erzählen?“ Ich hätte geantwortet:

„Soviel du willst.“

Erfüllung

Ich danke den Organisatoren des Deutschen Bibliothekartages sehr herzlich, allen voran Kirsten Marschall vom BIB und Klaus-Rainer Brintzinger vom vdb dafür, diesen Eröffnungsabend mit Thomas Böhm bereichert zu haben.

Und ich danke Thomas Böhm dafür, mir / uns diesen zutiefst befriedigenden Anfang zu einer Tagung beschert zu haben, dessen Nachhall sich durch alle anstrengenden Tage hindurch erhalten hat. Wieder zu wissen, warum ich all die Berufsjahre hindurch beim Thema „Buch und Mensch“ festgehalten habe, trotz des einen oder anderen „Schlenkerlas“ und aller Unbill und Umbrüche zum Trotz, und wieder zu wissen, dass auch knapp 40 Jahre später noch, nach meiner „Berufung“ in einer sehr gut ausgestatteten Schulbücherei, in der ich damals mithelfen durfte, ein Satz von Thomas Böhm seine fortwährende Berechtigung hat, ein Satz, der auch hätte meiner sein können:

„Zum ersten Mal hatte ich einen Eindruck davon, was ein „erfülltes Leben“ sein könnte“

ja, das alles zu hören war es jeder finanzielle und zeitliche Aufwand der Tagung und darüber hinaus wert gewesen. Danke für die Erinnerung.